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Audax Randonneurs Allemagne

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Von: Winfried Stoll

Mein PBP 2015


Am Neujahrstag habe ich meinem Bruder erzählt, dass mein sportlicher Höhepunkt in diesem Jahr die Nonstopradtour Paris-Brest-Paris über 1200 km sein wird. Das 600 km Brevet in Freiburg war ich letztes Jahr zum ersten Mal gefahren und die Lust auf mehr und länger war durchaus da.Meine Vorbereitungen im Frühjahr waren mit Hochs und Tiefs verbunden. Die komplette Brevetserie in Freiburg lief aber zur Zufriedenheit nur die Vorstellung nach dem 600km Brevet, die ganze Strecke noch einmal zu fahren war etwas schwer zu begreifen. Im Juli hatte ich noch eine Testfahrt mit Start am Freitagabend um ein Gefühl für den Abendstart in Paris zu bekommen. Die Nacht durchzufahren war das kleinere Problem nur die widrigen Windverhältnisse am Bodensee am Folgetag machten mir arg zu schaffen. Damit war für mich klar, dass mein Erfolg bei PBP2015 fest mit den Wetterbedingungen verknüpft sein wird. Entsprechend still war ich gegenüber Kollegen und Verwandten geworden und machte mein Vorhaben nur noch bedingt publik.

Just Mitte August gab es eine kurze ruhige Wetterphase Richtung Bretagne, die mich recht zuversichtlich stimmte. Mit aufmunternden Worten von Friedhelm Rixenfeld, der mich in Tonfall und Ausdruck stark an Ulrich van Heesen aus der heute-show erinnerte, wurden alle Fahrer beim Treffen der deutschen Randonneure am Vorabend positiv eingestimmt auf die große Tour: genießen und reisen nicht rasen.

Der Start verlief wohlorganisiert und um 18.17Uhr wurde meine Startzeit elektronisch erfasst. Voller Euphorie ging es in die erste Nacht verbunden mit kurzen Schrecksekunden, wenn plötzlich Hindernisse sich auftaten. Das lange zusammenhängende rote Band der Rücklichter war besonders beeindruckend. Auf den über 1200 km war ich selten ganz allein unterwegs. Bekleidung und Rahmenschilder verrieten die über 60 anwesenden Nationen. Welch weite Anfahrt haben die Neuseeländer und Australier für die Tour auf sich genommen wo meine Anreise mit dem TGV weniger als 3 Stunden betrug.

Gegen Mitternacht war an einem privaten Wasserstand erst einmal eine kurze Pause angesagt. Bei aller Euphorie wollte ich nicht das Essen vergessen. Mein eigener Proviant bestand aus Schokolade und Wurst. Die Essensausgabe nach 140km in Mortagne war so dicht belagert, dass ich nur einen Kaffee nahm. Die erste Kontrolle in Villaines la Juhel (km 220) erreichte ich um 4.16 Uhr. Schon in der Stadt vor der Kontrolle gab es einen Straßenverkauf an der Bäckerei und die eigentliche Kontrolle gab auch diverse Verpflegungsmöglichkeiten. Im eigenen Tempo ging es nach kurzer Pause weiter. Eine größere Schlafpause wollte ich ein Carhaix einlegen nach dem Tipp von Audax Deutschland für die 90 Stunden-Gruppe. Diese Strategie sah in Dreux kurz vor dem Ziel eine 7-Stunden Pause vor, die für mich auch einen Zeitpuffer darstellte. In Fougères (km 310) zeigte sich ein Problem am Schaltzug vorn. Am frühen Morgen war aber Hochbetrieb beim Fahrradmonteur. Mehrere eigene Reparaturversuche machten das Problem nur noch schlimmer und so fuhr ich mit eingeschränkter Übersetzung nach Tinteniac (km 363). Dort wurde mein Schaltzug für 20 EUR repariert und das zweite Problem mit dem Schalten am Ritzelblock korrigiert. 6km nach der Verpflegungsstelle von Quedillac (km 389) riss der Schaltzug dann aber am Schalthebel und die Kette war auf dem kleinsten Ritzel. Das war für mich der Tiefpunkt von PBP. Sollte mein Vorhaben am Material und nicht am Menschen scheitern? Der einzige Ausweg war, wieder zurückzufahren und in Quedillac auf geschickte Radmonteure zu hoffen. Besonders deprimierend waren die 6km zurück und dabei den nach Brest dahineilenden Randonneuren zuschauen zu müssen. In Quedillac wurde mir von wahren Profis geholfen und in weniger als 30 Minuten war das Rad erneut startklar. Ich hatte mich im Verpflegungsraum ausgestreckt um eventuell zu schlafen aber der Chefmonteur hat mich selber über die Fertigstellung informiert und wollte nur 6 EUR für diese Reparatur. Interessanterweise hatte er mich unter den vielen pausierenden Fahrern an meinen orangenen Kompressionsstrümpfen erkannt. An solchen Stellen bediene ich mich gern des Zitats von Käpt‘n Barbossa aus Fluch der Karibik: Nun ist die Hoffnung wieder unser! Dermaßen beflügelt fuhr ich bis nach St. Nicolas du Pelem (km 493). Ich genoss die Landschaft der Bretagne und war begeistert von dem Miteifern der Bewohner am Straßenrand. Einen Teil unserer Strecke war von der Tour de France benutzt worden und entsprechend waren noch viele themenspezifische Kunstwerke am Straßenrand zu bestaunen. In St. Nicolas du Pelem bekam ich gegen 22 Uhr eine Liege ohne zu warten. Für 2 Stunden wollte ich hier schlafen. Kurz vor Mitternacht wurde ich schon wach ohne Wecken und schlich mich in die sternenklare Nacht Bei der spärlichen Beleuchtung über Land, konnte man besonders viele Sterne und die Milchstraße bewundern. Inzwischen kamen mir schon die ersten Rückkehrer aus Brest entgegen. Durch die kalte Nacht ging es über den Roc‘h Trevezel. Immer wieder sah man rastende Fahrer am Straßenrand mit angeschalteter Radbeleuchtung. Ich wollte auf eine solche Nachtruhe im Freien gern verzichten. Auf der langen Abfahrt vom Berg an einem privaten Kaffeestand traf ich am frühen Morgen Manuela Verini von den Freiburger Randonneuren – welch ein Zufall.

Als ich am Dienstagmorgen in Brest eintraf hatte ich bei der reinen Fahrzeit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 22,4 km/h erreicht. Da die Schlange am Essen zu lang war, legte ich mich ins Gras und schlief ca. 30 Minuten. Ein kalter Luftzug durch den plötzlich bedeckten Himmel weckte mich auf. Endlich kam ich dazu, Thomas Alt ebenfalls von den Freiburger Randonneuren zu begrüßen. Schon öfter hatte ich ihn vorher kurz im Blickwinkel und auf dem Rückweg durch die Bretagne liefen wir uns immer wieder über den Weg. 40 Stunden nach meiner Abfahrt machte ich mich in Brest auf den Rückweg.

Mit 50 Stunden für den Rückweg hatte ich mir trotz drei verlorener Stunden für Reparaturen ein komfortables Zeitpolster herausgefahren. Der Rückweg aus Brest brachte uns erst später auf die Begegnungsstrecke und an Hand der Rahmennummern konnte ich erkennen, dass einige Fahrer wohl langsam Probleme mit der Einhaltung des Zeitlimits bekommen würden. Das Dorf Sizun vor dem Roc‘h Trevezel lud mit Geschäften und Bars noch einmal zu einem Zwischenstopp ein.

Kurz nach der höchsten Erhebung der ganzen Strecke, die mit einer Superfernsicht belohnte, musste ich noch einen kurzen Mittagsschlaf einschieben. Wieder hatten 30 Minuten gereicht, um erneut kräftiger in die Pedale treten zu können und meine Durchschnittsgeschwindigkeit für die Rückfahrt kletterte auf über 20km/h und sollte bis zum Ziel sich bei 20,4 einpegeln. In Carhaix (km 698) musste ich mir wund geriebene Stellen am Po behandeln lassen. Das Bepanthen versprach zwar keine Wunderheilung aber ein psychologischer Effekt war wohl auch dabei. In einer Apotheke unterwegs kaufte ich noch mehr von dieser Salbe und verschmierte sie großzügig bei jeder passenden Gelegenheit. Die Änderung der Sitzposition war bis zum Schluss mit mehr oder weniger Schmerzen verbunden. Es war mir von vornherein klar, dass eine gewisse Leidensfähigkeit bei PBP Voraussetzung sein sollte. Eine längere Schlafpause wollte ich noch bei km 839 in Quedillac einplanen, aber die Liegen waren dort alle belegt und ein schmaler Platz im Essensraum war nur eine Notlösung zudem ich während des Dahindämmerns noch unvorsichtig angestoßen wurde. Halbwach und halbmüde fand ich noch eine Holzbank im Duschraum. Die Nacht war besonders kalt und im Freien brannte ein Feuer im Grill, was die Müdigkeit weitervertrieb. Bis Villaines la Juhel (km 1009) legte ich an jeder Station eine kurze Schlafpause von max. 30 Minuten ein. Mein Zeitpolster war auch seit Brest nicht bedeutend weniger geworden. In Villaines wurde jede Ankunft und Weiterfahrt vom Publikum mit Applaus bedacht. Diese rege Anteilnahme der Bevölkerung an dem Ereignis hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei mir. Besonders erstaunt war ich, dass das dreirädrige Tandem „Rufus“ auch immer wieder in meiner Nähe auftauchte. 

Die zwei Italiener, die die Strecke mit historischen Fahrrädern ohne jeglichen Komfort und Gangschaltung erfolgreich bewältigten, erregten überall großes Aufsehen. Einer hatte sich irgendwann auf eine Kreisverkehrsinsel zum Schlafen ausgebreitet. Bei km 1089 in Mortagne au Perche wollte ich noch eine einstündige Schlafpause einschieben und fand einen Platz auf einem Läufer zwischen zwei Türen, deren Klappern mich schnell in einen tiefen Schlaf entführte. Vorsichtshalber hatte ich den Wecker meines Smartphones auf 22 Uhr gestellt aber schon 3 Minuten davor wachte ich allein wieder auf. Nach einer stärkenden Mahlzeit war ich bereit, die nächste Etappe in Angriff zu nehmen. Die Nacht war durch Bewölkung auch nicht mehr ganz so kalt. Irgendwann habe ich aber einen der nach Paris weisenden Pfeile übersehen und nach einigen Kilometern war ich mir sicher, dass ich nicht mehr auf dem rechten Weg unterwegs bin. Eine kleine Gruppe Italiener, die mir vorher noch Sicherheit gab, war ebenso verirrt. An einem beleuchteten Haus bekamen wir gegen Mitternacht Rat von Anwohnern, wie wir nach Dreux fahren können und die Karte auf meinem Smartphone (zum Glück noch mit reichlich Akku) zeigte die ungefähre Richtung. Schon an der nächsten Kreuzung herrschte aber erneut Ratlosigkeit und ich aktivierte das GPS-Signal um den Ort Senonches, der auf der Strecke liegt, wieder zu finden. Die Italiener konnten sich nicht entscheiden, mir zu folgen und ich hatte keine Lust auf Überzeugungsarbeit. Endlich sah ich wieder die vielen hellen vertrauten Lichter der rastlosen Randonneure. Der Umweg war mit ca. 7km noch verschmerzbar. Mit erhöhter Aufmerksamkeit folgte ich den roten Lichtern bis nach Dreux. Ich suchte mir einen Platz in der großen Halle zum Schlafen. Statt 7 Stunden waren es aber nur 41 Minuten und zum ersten Mal musste ich durch den Weckton des Smartphones auf Spur gebracht werden. Mit einer Lasagne und dem berühmten Paris-Brest-Gebäck stärkte ich mich.

Besonders beeindruckt hat mich das junge Mädchen an der Kasse, was im Kopf in Sekundenschnelle die Preise für jedes Essenstablett ausgerechnet hatte und das morgens um 5.00 Uhr. Die Mitstreiter um mich herum waren alle gezeichnet von den knapp 1200km. An der Ausfahrt aus dem Kontrollpunkt fragte ich noch einen Helfer, wie viele Steigungen es noch bis zum Ziel sind. Er meinte wohl drei bis vier und davon eine heftige. Er hatte wohl eine eigene Art zu zählen, denn ich war sehr schnell auf vier Anstiege gekommen. Der heftige Anstieg im Wald von Rambouillet zwang mich zum Gehen nicht zuletzt um die letzten Reserven für die restlichen Kilometern zum Ziel aufzusparen. Kurz vor dem Ziel kam leichter Regen auf und auch der morgendliche Berufsverkehr setzte ein. Nach 86 Stunden und 23 Minuten (davon 58 Stunden reine Fahrzeit) kam ich, begleitet von Applaus, durch den Zielbogen – erschöpft aber glücklich.

Ein warmes Essen, eine Dusche, ein Schlaf auf dem späteren Siegerpodium ließen alle Strapazen schnell wieder vergessen. Mit meinem Gepäck zog ich gegen Mittag ins Massenquartier neben dem Velodrome um. Von den 200 möglichen Plätzen waren aber nur ca. 20 belegt. Abends lauschte ich noch der Abschlusszeremonie und bediente mich reichlich am Büffet, was innerhalb kürzester Zeit leergeräumt war. Deutschland hatte zwei Pokale bekommen – einen für die teilnehmerstärkste Auslandsfraktion und den zweiten für den schnellsten Finisher. Am nächsten Morgen wurden wir vom Abbaulärm unserer Zelthalle geweckt. PBP 2015 war zu Ende und ich möchte keine Minute davon vermissen.

Winfried Stoll aus Offenburg


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