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Audax Randonneurs Allemagne

< Paris-Brest-Paris 2015 vom 16.-20. August 2015

Von: Ralf Wittmann

Ein Leben als Sau


Mein mit erheblicher Verzögerung niedergeschriebenes PBP-Vermächtnis sollte eigentlich nicht in Zusammenhang mit notwendigen Regenerationszeiten gebracht werden. Schließlich liegt der Husarenritt über die Wellen und Getreidewellen Nordwestfrankreichs bereits gut vier Monate zurück. Nicht zu vergessen übrigens die Bretagne, natürlich die Wellen dort – und auch die Hügel. War ich emotional bereits wenige Tage nach PBP wieder einigermaßen sortiert, dauerte die komplette Wiederherstellung meiner körperlichen Unversehrtheit in meinem speziellen Fall doch deutlich länger.

Und das ist meine persönliche Geschichte zu PBP 2015:

Am Anfang war das Rad – und das Wort. Jenes gab ich meinem Umfeld, als es um den PBP 2015 ging. Hatte ich vier Jahre vorher noch eine gemeinsame Teilnahme mit Matthias verschmäht und stattdessen mir meinen sportlichen Lebenstraum „Trondheim – Oslo“ erfüllt, willigte ich für 2015 ein. Und das, obwohl mir ursprünglich alles, was ich nicht an einem Tag auf dem Rad zurücklegen kann, zu lang erschien.

Wie immer beim Erklimmen einer neuen Dimension erfüllte mich auch diese Aufgabe im Vorfeld von großem Respekt. Abgesehen von der zu bewältigenden Strecke bestand dieser v.a. aus Gedanken um die Vorbereitung sowie logistischen Fragen. Welche (noch nicht) benötigten Gepäckstücke oder Zubehörteile aus bisherigen Breveterfahrungen mussten nun in den Status der „Unverzichtbarkeit“ gehoben werden? Stimmen Strategie und „Renntaktik“? Hab` ich alle Dokumente bei mir? Ist mein Fahrrad bereit für den Check-in? Strategie und Taktik! Ist das Werkzeug vollständig? Hab` ich alle Ratschläge und Empfehlungen beachtet? Strategie und Taktik im Kopf?! Alles war fixiert auf ein Ziel: finishen!

Logistisch war PBP für mich verbunden mit dem sommerlichen Familienurlaub im Zentralmassiv. War schön & erholsam, mit einigen dossierten Ausfahrten. Im Anschluss daran erfolgte der direkte Transfer nach St. Quentin zum Treffpunkt der deutschen Starter im Park – nicht ganz einfach zu finden für altmodisch veranlagte Menschen ohne Navi! Das große Vorhaben kam immer näher und auch für meine Frau und die Kids sollte es ein besonderes Erlebnis werden, die Veranstaltung mit dem ganzen Drumherum, angespannt konzentrierte Starter, Massen von TeilnehmerInnen aus vieler Herren und Frauen Länder mitzubekommen.

Im Gegensatz zu meinen deutschen Radfreunden ging ich erst am Montag morgen an den Start. Alleinfahren kein Problem – wobei: was heißt schon allein?! Noch Stunden nach dem Start (und mittlerweile längst im Tageslicht) fand man sich in einer Art gefühltem Gruppetto wieder, einer mit dem anderen bereit, die Strapazen durchzustehen – und das ganz ohne Berge. Gemeinsam fuhr man noch durch den ersten großen Regenschauer am späten Vormittag, bevor hinter der ersten Kontrollstation in Villaines die Gruppen kleiner wurden. In zunehmend welliger werdendem Gelände entstanden dann Abstände. Jeder bewegte sich mit seinem eigenen Tempo voran und dem Außenstehenden bot sich das Bild einer langen Kette mit weit auseinander liegenden Perlen. Manchmal überholte ich auch benachbarte „Perlen“, v.a. wenn es bergab ging.

Als großen Vorteil der späten Startgruppe „X“ empfand ich schon die Umstände beim Radcheck am Tag vor der Abfahrt: keine hektische Betriebsamkeit, keine Schlangen und kein Warten, einfach durchrollen. Genauso fand ich die Situation in den Kontrollstationen vor. Kein Warten beim Stempeln und Versorgen. Allerdings animiert das zu längeren Pausen, zumindest länger als eigentlich nötig. Vielleicht doch nicht so gut, die späten Startgruppen ...?!

Mittlerweile war ich drin im Rhythmus und hatte Spaß. Leider nicht sehr lange. Bis heute weiß ich nicht, was ich falsch gemacht habe, aber bereits nach der ersten Kontrollstation hatte ich ein stellenweise wundes Hinterteil. Vollkommen unverständlich in meinen Augen, hatte ich doch Brevet-bewährte Kleidung (gut eingefettet) am Körper. Eine nachts langsam aufkommende, ominöse Begleitung dazu erwuchs in Form von ersten Knie- und Achillessehnenschmerzen. Immerhin hatte ich – oh, wie schön - dafür eine Erklärung. Schließlich verleiten die wunden Stellen den Körper bestimmt zu einer Schonhaltung sprich einer veränderten Sitzposition, was unwillkürlich zu anderen Belastungsbildern für Sehnen und Gelenke führt.

Da mir körperliche Beeinträchtigungen in diesem Ausmaß beim Radfahren komplett unbekannt waren, ergriff mich eine gewisse Verunsicherung. Dennoch versuchte ich, möglichst unbeeindruckt und frohen Mutes weiterzufahren. Eine kleine Vorhölle erlebte ich dann in Saint-Nicolas, wo ich nach genau 500km mein Einstundenschläfchen einlegte. Da mein „Ersatzteillager“ u.a. eine Ersatzradhose umfasste, erlaubte ich mir den Luxus des Duschens vor dem zu Feldbett gehen. Brennte sehr unangenehm, doch immerhin für einen guten Zweck. Schließlich stieg ich nach dem Schläfchen vorsichtig in die neue Radhose ...

Als am zweiten Fahrtag die Schmerzen schon sehr früh zunahmen, erwies sich die Ausnahme als Segen: entgegen meiner Gewohnheit hatte ich diesmal Ibuprofen mitgenommen. Endlich konnten nervige Gedanken, die sich um meinen Körper drehten, abgelenkt werden. Von Gedanken wie „Scheiße, zieht sich die Steigung ...“, „blöder Gegenwind“, „wie lange geht das noch rauf und runter in Brest“ und „wow, ich hab`s bis Brest geschafft!“. Und so fuhr ich dann relativ glücklich und zufrieden weiter, zurück in Richtung Paris. Zwischenzeitlich erlebte ich richtige Hochgefühle, die mich auch mal in flotteren Gruppen mitfahren ließen. Kurz vor meiner zweiten „Übernachtung“ sollte mich das Schicksal mit Stéphane aus Lyon bekanntmachen.

Nach einer erneuten Stunde Schlaf in Saint-Nicolas (diesmal ungeduscht) ging es mitten in der Nacht weiter auf die dritte Etappe. Wir passierten eine unangekündigte Kontrolle oder erfreuten uns an privaten Raststellen mit Verpflegungsmöglichkeit mitten in der Nacht. Unweit davon saß die gefühlt komplette Dorfjugend auf der Gemeindehaustreppe und kommunizierte – um 3:30 Uhr. Bilder, die hängen bleiben. Genauso, wie „Radlerleichen“, die nachts im Straßengraben unweit des Asphalts rumlagen. Oder in kleinen Dörfern mitten auf dem Gehweg, in Goldfolie eingewickelt.

Im Laufe des dritten Tages verschlechterte sich meine Situation spürbar. Zu schaffen machten mir wunde Stellen im Schritt und im Bereich rundherum sowie an den Innenbeinen. Dort schwoll die Haut zudem über kleinen Eiterbeulen an. Jede einzelne Kurbelbewegung tat höllisch weh!

Es stand die Dunkelheit bevor, zum dritten Mal. Vor mir lagen noch gut 250km!! Eine mir durchaus vertraute Distanz. Allerdings war die Vorstellung, bei einem der üblichen Radmarathons, die ich schon gefahren bin, am Start zu stehen und die komplette Distanz noch vor sich zu haben, in solch einem Zustand weder tröstlich noch hilfreich.

Einen Ausweg suchte ich vergeblich. Die Vorstellung aufzugeben streifte meine Gedanken. Ich kurbelte weiter. Machte acht bis zehn kräftige Umdrehungen im Wiegetritt und ließ dann rollen. Oder fuhr mit extrem weit nach außen gerichteten Knien. Mit diesen beiden „Techniken“ waren die Qualen einigermaßen zu ertragen. Allerdings traten dadurch nach kurzer Zeit erneut die Probleme in den Knien und den Achillessehnen auf. Und diesmal war es richtig schlimm, ja sprichwörtlich leistungslimitierend, da bei vollem noch möglichen Krafteinsatz Gelenke und Sehnen unerträglich weh taten. Mittlerweile zeigten auch Tabletten keine Wirkung mehr. Meine Theorie über Schmerzen beim Radfahren ward über Bord geworfen. Bisher war ich der Meinung, man könne in leidvollen Situationen auf dem Rad immer nur einen Schmerz zur gleichen Zeit spüren. Und mit großer Konzentration ist es gar möglich, zwischen den Schmerzstellen willentlich hin- und herzuspringen: Schulter – Nacken – Gesäß - ... ich habe mich geirrt. Was mich auf dem Rad hielt, war reine Willenskraft. Ich hatte bis dato noch nie bei irgendeiner sportlichen Veranstaltung aufgeben müssen. Es war Stolz. Falscher Stolz, übertriebener Ehrgeiz?? Kraft gab mir seit Tagen meine Familie mit mehreren aufbauenden Kurzmeldungen sowie Stéphane, der mich nach den gegebenen Möglichkeiten unterstützte. Wir bauten an einem Verkehrskreisel ein zehnminütiges Powernapping ein. Meine Gedanken kreisten um die Tatsache, dass PBP nur alle vier Jahre stattfindet. Zudem wusste ich bereits, dass ich zum Termin 2019 im August keine Ferien haben würde...

Anschließend kurbelten wir weiter durch die Nacht. Mortagne erreichten wir noch in der Dunkelheit. Nach einstündigem Aufenthalt inklusive einem weiteren power nap fuhren wir bei Morgendämmerung in den letzten Tag hinein. Dankbar war ich für jede kleine Abfahrt, bei der ich nicht treten musste. Ansonsten wandte ich meine mittlerweile bewährten Techniken an oder trat „normal“ unter stark hörbarem Ausatmen. Vielmehr klang es wohl nach einem bedauernswerten Stöhnen, das ich mich allenfalls in der Gegenwart meines französischen Begleiters von mir zu geben traute. Da die Schmerzen nicht schlimmer wurden (wahrscheinlich auch nicht schlimmer werden konnten!), gewann ich Kilometer für Kilometer mehr Zuversicht, auf dem Rad in St. Quentin anzukommen.

Ein längerer Regenschauer „in the middle of nowhere“, ohne Unterstellmöglichkeit auf den unendlichen Getreidefeldern führte dazu, dass wir völlig durchnässt die letzte Kontrollstation in Dreux anliefen. Meine Vorfreude wurde gesteigert durch die Vereinbarung, mich dort mit meiner Familie zu treffen. Nun war klar, dass ich den Rest in der vorgegebenen Zeit würde schaffen können. Ich müsste nur noch schlappe 65km so weiter leiden wie bisher. Nette kleine Überraschungen wie ein Plattfuß bei Kilometer 1194 ließen mich spüren, dass meine Fingerkraft beachtlich nachgelassen hat. Mit Stéphanes Unterstützung beim Schlauchwechsel konnte ich auch diesen kleinen Rückschlag innerlich weglächeln.

Und dann war es soweit: nachdem ich von den „letzten 250km“ mindestens die Hälfte im Wiegetritt bewältigt habe, rollte ich unter denkbar ungünstigen Umständen, nach qualvollem Schinden im eigentlichen Wortsinn über Stunden und Tage nach zweiundachtzigeinhalb Stunden über die ZIELLINIE. Ein Sieg der Willenskraft, ein Sieg über den eigenen Körper. Wie sagte einst mein Pfälzer Landsmann und Radphilosoph Udo Bölts: Quäl dich du Sau!

Doch war es das wert? Zwei Wochen lang bin ich mit dicken Beinen rumgelaufen – eine taillierte Form und das Hervortreten des Knöchels war im Übergang von Fuß zu Unterschenkel nicht mehr zu erkennen. Leichtes Taubheitsgefühl in Fingern und Zehen waren auch nicht wirklich lustig. Knie- und Achillessehnenbeschwerden verfolgten mich noch einen Monat lang. Wunde Stellen sind längst verheilt. Die Fingerkraft der linken Hand war hingegen sehr lange eingeschränkt. Wochen- bis monatelang konnte ich Wäscheklammern nicht im Pinzettgriff zusammendrücken oder eine Gabel beim Essen kraftvoll einsetzen. Seit Mitte Dezember hat sich das endlich alles normalisiert. Es war Zeit einen Bericht zu schreiben.

Mir ist aber auch klar geworden, dass ich durch die außergewöhnlichen Umstände autonome Reserven verbraucht habe. Reserven, die der Körper nur in Ausnahmefällen aktivieren kann. Und die man nur ganz langsam wieder auffüllen muss. Doch ich hab` ja ein paar Monate lang Zeit.

Wir sehen uns hoffentlich 2016 auf dem Rad. Ich hoffe, ich werde nie wieder so sehr Sau sein wie beim PBP 2015.


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