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Audax Randonneurs Allemagne

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Von: Peter Riffart

In Sophie`s Welt: 1000 du Sud 2011


Über St. André des Alpes entlädt sich ein heftiges  Gewitter. Draußen vor dem Eingang der Bar fallen Sturzbäche vom Himmel, es blitzt und donnert, die Beleuchtung flackert. Drinnen herrscht ausgelassene Stimmung, besonders  laut krachende Donnerschläge sind Gelegenheit zum gemeinsamen Anstoßen mit einem Glas Rosé, sie werden mit Jubel und Applaus bedacht.  Dass  ihre „Foire des Bergers“, der alljährliche Markt der Schäfer in dieser Gegend der Haute Provence durch den plötzlichen Wetterumschwung Samstag abends um 6 sein jähes Ende gefunden hat, macht den in die Bar geflüchteten Schäfern und Besuchern überhaupt nichts aus.  Allesamt südfranzösische Lebenskünstler, feiern sie die Feste, wie sie fallen.
Ich wollte eigentlich schnell weiter, um möglichst viele der letzten 113 km unseres „1000 du Sud“ noch bei Tageslicht fahren zu können.  Aber es kommt eben mal wieder anders : Der heftige Regen macht mir keine Lust auf Draußen und die im Süden über dem Lac de Ste. Croix stehende schwarze, von Blitzen durchzuckte Front erst recht nicht.  Also lasse ich mich von der allgemeinen Fröhlichkeit anstecken und bestelle mir nach dem Stempel in meinem Streckenbuch einen Café au Lait und ein Käse-Sandwich und komme mit den Gästen ein wenig ins Gespräch. Einer warnt mich, dass ich  auf die nach der langen Trockenheit durch den Regen extrem rutschigen Straßen achten soll, im Übrigen soll  es aber nach Carcès, also zum Ausgangs- und Endpunkt unseres Brevets  nur noch bergab gehen. Obwohl ich es aus dem Streckenprofil besser weiß, bin ich dankbar für so viel Aufmunterung und Fürsorge. Eine weitere halbe Stunde warte ich noch, dann schwinge ich mich wieder aufs Rad, durch die über den  Asphalt fließenden Bäche rolle ich der immer noch bedrohlich im Süden stehenden Gewitterfront entgegen. Richtig kühl ist es durch den Regen geworden und ich wünsche mir die sommerliche Wärme zurück, die uns seit unserem Start am Donnerstag  Morgen  begleitet hat. ..
„Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – das gilt ganz besonders für Sophies „1000 du Sud“ und den Startort Carcès im provenzalischen Département  Var.  Wenn es eine bilderbuchhafte südfranzösische Sommer-Idylle gibt, dann hier, in dem beschaulichen Provence-Städtchen mit seinen engen Gassen und den gemütlichen Cafés und Restaurants , gelegen inmitten von Weinbergen.  Die laue Abendluft  macht das Feriengefühl perfekt. Auf der Café- Terrasse werde ich von  Randonneur-Freunden begrüßt,   die Gesichter strahlend. Ihnen geht es wie mir: das Flair der sommerlichen Provence ist einfach unwiderstehlich. Wir könnten tagelang bei  Rosé oder Bier hier draußen sitzen und  Brevetgeschichten austauschen.  Wäre da nicht die Verlockung einer Strecke, die uns durch die schönsten und spektakulärsten Landschaften Südfrankreichs führen wird, durch die hitzeflirrenden Weingebiete der Côtes du Rhône, die Felsschluchten der Ardéche  bis ins Hochgebirge mit seinen Gletschern und wieder zurück in die Idylle der Weinberge von Carcès. So finden wir uns alle – dreißig Randonneure aus Frankreich, den USA, Kanada, Italien, England und Deutschland – am Donnerstagmorgen um sieben Uhr zum Start in der Mehrzweckhalle des Ortes ein, wobei die meisten von uns dort schon eine Stunde früher ein von Sophie und dem örtlichen Radclub organisiertes reichhaltiges Frühstück bekommen haben. Erwähnenswert, weil geradezu spektakulär auch das am Vorabend von Sophie und den Radclubfreunden am gleichen Ort servierte Abendessen – ein ausgezeichnetes und üppiges Couscous, als Nachtisch die typische „Tarte Tropezienne“, ein cremegefüllter Kuchen  (den ich beim besten Willen nicht mehr geschafft habe).  

Sophie wird nicht mit uns fahren. Sie hat das gesamte Brevet schon genau eine Woche vor uns durchlebt, das erste Drittel bei heftigem Mistral und den Rest bei enormer Hitze. Sie erweist uns, den Teilnehmern, damit einen doppelten  Dienst:  wir sind genauestens  über den aktuellen Zustand der Strecke informiert, besonders über die nächtliche Sperrung eines Tunnels wegen Straßenarbeiten wenige Kilometer vor der Passhöhe des Col du Lautaret, des höchsten Punkts und der Schlüsselstelle des 1000 du Sud. Und vor allem: Sophie ist als wahrhaftige „Seele des Brevets“ ständig vor Ort, um sich ausschließlich um unsere Fragen und um  unser Wohlergehen zu kümmern und  uns alle persönlich im Ziel zu begrüßen. Danke, Sophie!
Der Start unserer kleinen Truppe in der Morgendämmerung könnte kein größerer  Kontrast zu Paris-Brest-Paris  vier Wochen zuvor sein. Keine Ansprachen, keine Musik, kein Jubel und kein Startschuss. Ein Blick auf die Armbanduhr und wir setzen uns pünktlich um sieben  nach Norden, in Richtung Cotignac, in Bewegung. Dort, nach sieben Kilometern wartet die erste kleine Steigung hoch zum felsigen Rondell, in welches der Ort malerisch eingebettet ist. Schnell zieht sich das Feld auseinander. Eichenwälder wechseln die Weinberge ab, die Schatten werden kürzer und ein strahlender provenzalischer Sommertag kündigt sich an. Es geht stets  in nordwestlicher Richtung, zu spüren ist nur ein leichter Nordwind, der uns kaum stört. Nach einem Flachstück geht es über die Durance, und wenig später treffe ich im Städtchen Forcalquier ein, der ersten Kontrollstelle nach 92 Kilometern.
Kontrollstelle:   das ist beim 1000 du Sud ein Punkt auf der Landkarte mit Namen. Es steht den Teilnehmern frei, wo sie ihr Streckenbuch abstempeln lassen, ob in einer Boulangerie, der örtlichen Bar oder einem Lebensmittelladen. Wenn es Nacht ist und alle Bürgersteige hochgeklappt sind, genügt ein Digitalfoto des Fahrrads mit dem Ortsschild. „Vollkommene Autonomie“  - das ist Sophie`s Brevet-Philosophie.  Sie ist Bestandteil der Herausforderung. Das Fehlen organisierter Verpflegungs- oder Schlafplätze bedeutet eben auch, dass man sich rechtzeitig vor dem Ladenschluß (im Süden also auch von 12 bis 16 Uhr) mit genügend Vorräten eindeckt und eine gewisse Findigkeit entwickelt, wenn es darum geht, sich einen Platz zum Schlafen zu suchen. Sophie`s ausgezeichnete Streckenbeschreibung ist da sehr hilfreich:  es gibt jede Menge Hinweise auf „Ibis“- und „Etap“-Hotels, deren Rezeption meist 24 Stunden geöffnet ist. Kaum nötig zu erwähnen, dass auch Begleitfahrzeuge beim 1000 du Sud nicht zugelassen sind.
Die nächsten 92 km zur zweiten Kontrolle in Bédoin sind eine wunderbare Hommage an DAS Wahrzeichen der Haute Provence – den Mont Ventoux. Hinter Banon, nach einer Reihe in der Mittagshitze schon recht heißer Kehren im  Kalkgestein  beginnt  die Hochebene des Plateau de Vaucluse, ein rauer, von  kargen Schafweiden und Krüppeleichen geprägter Landstrich. Ihr höchster Punkt ist der Mont Ventoux , der sich in der Ferne mit seiner weiß leuchtenden Schotterkuppe abzeichnet. Auf ihn rollen wir stetig zu, bis wir in Sault, wo einer der drei Anstiege auf den Ventoux beginnt, auf seine Südflanke abbiegen in die Gorges de la Nesque, auf ein herrlich ausgesetzt in der Wand der Felsschlucht  verlaufendes Sträßchen. Der hellgraue Gipfel des Mont Ventoux mit seinem Sendeturm ist jetzt zum Greifen nah, links davon geht der Blick in die Rhoneebene, unser nächstes Ziel. Bédoin am Fuß des Ventoux und seines berühmten Südanstiegs ist geprägt von Radlergruppen aller Weltgegenden. Trotz des Massentourismus hat der Ort noch etwas von seinem Charme behalten. Nach einer gemütlichen Pause mit Urban, Walter und Bernhard von den  Freiburger Randonneuren geht es  über den Col de la Madeleine (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen hochalpinen Pass) in die hitzeflimmernde Rhôneebene, den Gorges de l`Ardèche auf der westlichen Rhôneseite entgegen.

Ich fühle mich gut und radle locker und entspannt dahin. Eines von meinen beiden Zielen, die ich mit vorgenommen hatte war, die herrliche Ardèche-Schlucht noch bei Tageslicht zu durchfahren. Dieses Ziel habe ich fast erreicht.  Kurz vor der Rhône, zwischen Weinbergen stoße ich wieder auf die Freiburger Truppe, die gerade mit einem Weinbauern am Straßenrand  ins Gespräch gekommen ist und Trauben verkostet.  Ich schließe mich gemeinsam mit Rich, unserem Engländer an und, gestärkt von den unglaublich süßen blauen Trauben fahren wir ein Stück zusammen weiter bis zur Kontrolle in St. Martin de l`Ardèche bei km 259,5. Dort trennen sich unsere Wege wieder. An den Anstiegen hinauf zu den Aussichtspunkten über den Felswänden der Schlucht sind die vier mir deutlich zu schnell. Dafür habe ich jetzt die abendliche Einsamkeit der Straße für mich allein. Nur einige Ziegen  haben sie sich als Spazierweg ausgesucht und gesellen sich zu mir. Im schwindenden Licht erreiche ich das andere Ende der Ardéche-Schlucht in Vallon-Pont d`Arc. Ich biege von der Umgehungsstraße ab in die Ortsmitte und bestelle mir in einem  recht touristischen Restaurant, in welchem ich aber unglaublich nett bedient werde, zum Abendessen (sehr gute) Spaghetti und ein Bier.  Dann beginnt die  Nachtfahrt, vor der ich schon wegen ihrer Länge in dieser Jahreszeit einigen Respekt habe. Es wird ja schon vor 20 Uhr dunkel, gegen 7 Uhr morgens, erst elf Stunden später ist Sonnenaufgang.  Wenigstens haben wir ein schönes Mondlicht, der abnehmende Mond ist noch mehr als halb voll.

Der Abschnitt bis zur nächsten Kontrolle in Aubenas (km 328,5) ist nicht schwer. Ich stemple in einem  der letzten noch nicht geschlossenen Restaurants. Die Strecke wendet sich jetzt wieder nach Osten, um erneut über die Rhône und dann in das Département Drôme zu führen. Dazwischen liegt allerdings einer der markanteren Berge unserer Tour, der Col d`Escrinet mit einer Höhendifferenz von etwas über 550 Metern. Und hier spüre ich deutlich die Müdigkeit nach dem langen Tag in der Hitze. Der Anstieg ist eigentlich nicht steil, aber er scheint kein Ende nehmen zu wollen, was durch die Dunkelheit mit ihren eingeschränkten Orientierungsmöglichkeiten noch verstärkt wird. Ich habe das Gefühl, überhaupt nicht voranzukommen. Ich treffe auf einen der französischen Randonneure, der mir noch müder vorkommt als ich mich fühle. Er berichtet mir, dass er in Le Pouzin an der Rhône ein Zimmer reserviert hat, ob ich es mit ihm teilen will ? Ich lehne dankend mit der Begründung ab, dass ich in dieser Nacht noch möglichst weit kommen will, um eine dritte Nachtfahrt auf unserem Brevet zu vermeiden. Noch während ich das erkläre, kommen mir angesichts meiner eigenen Müdigkeit Zweifel, ob dieses Ziel – mein zweites, das ich mir für den Ablauf des Brevets vorgenommen hatte – realisierbar ist.  
Auf der Paßhöhe ziehe ich mir die Windstopper-Weste an, fange bei der Abfahrt jedoch schon bald derartig zu frieren an, dass ich nochmals anhalte und Beinlinge sowie Ärmlinge überziehe. Kaum wird es wieder flach und mir etwas wärmer, schlägt die Müdigkeit wieder zu. Ein Guarana- Kaugummi hilft mir über die nächsten Kilometer und in Loriol, wieder auf der östlichen Seite der Rhône finde ich einen kleinen Park mit hölzernen Bänken. Es ist kurz nach eins, die Luft hat noch etwas Tageswärme. Ich wickle mich in die Rettungsfolie und schlafe etwa eine Stunde ganz passabel auf einer der Bänke. Danach fühle ich mich wesentlich besser und mache mich auf den Weg nach Saillans, zur fünften Kontrolle und gleichzeitig zum Beginn des wirklich schweren Teils des Brevets durch die  Berge der  Drôme und, später, der Hochalpen.
Im nachtschlafenden Saillans (km 409,5) stoße ich auf Manuel aus Berlin und „die Italiener“. „Die Italiener“ sind drei nette Typen aus der Gegend von Verona in einheitlich weinroten Club-Trikots. Alle vier haben soeben ihre Schlafpause auf den Bänken einer Café-Terrasse beendet. Im Gegensatz zu Manuel, der offenbar nur das allernotwendigste an Kälteschutz dabei hat und bei dessen Anblick ich schon friere, sind die drei anderen dick eingemummelt, einschließlich Sturmhaube fürs Gesicht. Zu fünft machen wir uns auf den Weiterweg. Nach der Brücke über den Fluß Drôme folgen wir einem kleinen Sträßlein in Richtung Südost, links und rechts sind im Mondlicht höhere Berggipfel auszumachen. Schon bald steigt das Sträßchen an und führt uns durch einsamste Gegenden über mehrere kleine Cols, Manuel ist in meiner Nähe, die Italiener sind hinter uns. Auf seinen Rat schalte ich probeweise den Frontscheinwerfer aus. Autos sind uns seit Stunden schon nicht mehr  begegnet. Eine zauberhafte Nachtstimmung entfaltet sich plötzlich in der Berglandschaft, das Mondlicht beleuchtet unseren Weg vollkommen ausreichend. Und das Fahren ist nicht mehr so ermüdend, weil sich der Blick nicht mehr ständig an dem Scheinwerferkegel auf dem Asphalt vor mir festmacht.
Auf dem Col des Roustants (km 450, 1030m) ist es wieder so hell, dass wir das Licht nicht mehr brauchen. Die Abfahrt ins Tal ist eisig. Im ersten Talort hat schon eine Boulangerie geöffnet – ein kleines Paradies: drinnen ist es herrlich warm, die frischgebackenen Croissants duften köstlich. Dazu eine gutgelaunte, superfreundliche (und hübsche) Bedienung… so kann der Tag beginnen. Den Frühstückskaffee gönnen Manuel und ich uns wenige Kilometer weiter in Rémuzat, unserer 6. Kontrolle nach 469,5 km. Dort treffen auch gleich die frierenden Italiener ein, bei einem Café au lait und  Musik aus dem Radio wärmen wir uns rasch auf.  

Auf dem folgenden Streckenstück bis zum Col du Festre (km 541,5 / 1441 m) bin ich wieder allein unterwegs. Die Strecke verläuft jetzt im Département Alpes de Haute Provence und führt nach Nordosten, den Zentralalpen entgegen. Am Hang der linken Talseite, in offenem Weidegebiet  folgen zwei leichtere Cols, auf dem Asphalt  Parolen der letzten Tour de France.  In Serres führt die Strecke ein paar Kilometer über die Route Napoléon, hier herrscht viel Verkehr.  Nach der Abzweigung zum Col du Festre wird es wieder ruhiger, vor mir liegt das kalkweiße Gebirgsmassiv des Devoluy mit Gipfeln bis zu 2800 Metern Höhe. Der vollkommen schattenlose Anstieg auf der Südseite des Passes beginnt und die Hitze macht mir zu schaffen. Ein Tunnel bringt kurzzeitig angenehme Kühlung, dann folgen steilere und anstrengende Passagen, der Kalkschotter reflektiert die Sonneneinstrahlung. Schließlich öffnet sich ein weites Hochtal mit Almen, die Steigung wird flacher und ziemlich geschafft erreiche ich das „Maison du Col du Festre“, die einzige feste Kontrollstelle des Brevets. Die Wirtsleute, selbst Radfahrer und Skilangläufer,  sind auf uns vorbereitet und servieren mir ein wunderbares Schinken-Käse-Sandwich und ein  kühles Bier.  In einem der vor der Terrasse bereitstehenden Liegestühle schlafe ich ein paar Minuten in der Sonne.  Zwischenzeitlich sind auch Manuel und die Italiener eingetroffen. Eine schöne -  und dieses Mal angenehm warme – Abfahrt bringt uns weiter nach Norden, ins Département  Isère. Das kurze verbleibende Streckenstück zur nächsten Kontrollstelle in Mens (km 580,5) ist recht hügelig und der Erholungseffekt aus der Pause am Pass und aus der Abfahrt ist bald verbraucht.  Die Landschaft ist grün, recht dicht besiedelt und erinnert an das Inntal. Manuel und die Italiener halten sich in Mens nicht lange auf. Ich steuere nach einer Cola in der Bar erst noch eine Boulangerie an, um mich für die Weiterfahrt über den schweren Col d`Ornon nach Bourg d`Oisans – und damit zum Beginn des langen Anstiegs zum Col du Lautaret – zu stärken.  Es ist schon später Nachmittag und mir wird klar, dass ich den Tunnel bei La Grave, vor der Passhöhe des Lautaret, zu dem es fast noch 100 schwere Kilometer sind, bestimmt nicht vor 22 Uhr, also vor seiner nächtlichen Sperrung schaffe. Außerdem beunruhigen mich dunkle Wolken, die sich im Norden zusammenballen. Ich beschließe, mir in Bourg d`Oisans oder – je nach Wetterentwicklung – vielleicht schon vorher ein Zimmer für ein paar Stunden Schlaf zu nehmen.

Nach dem leichten Col Accarias gleich hinter Mens folgt eine  herrliche lange Abfahrt hinunter zur Schlucht des Flusses Drac, der von der spektakulär zwischen die Felswände eingefügten Pont de Ponsonnas überspannt wird. Steilere Passagen führen auf der  Nordseite wieder aus dem Canyon heraus. Die über die vielen Höhenmeter dieses zweiten Tages akkumulierte Müdigkeit macht die Sache nicht leichter. Das sehe ich auch den Italienern an, zu denen ich wieder aufgeschlossen habe. Nur Manuel, der schon ein Stück voraus ist, scheint wirklich noch in guter Form zu sein.  Das zum Col d`Ornon führende Tal ist wunderschön mit seinem grünen, mit Pappeln bestandenen Talboden und den dunklen, schroffen Felswänden auf der linken Seite. Die Steigung ist jetzt gut zu fahren, durch den Schatten der finsteren Wolken im Norden hat sich die Temperatur angenehm normalisiert. Weit oben in den Schlußkehren entdecke ich Manuel. Am Col fängt es an zu regnen und ich klopfe an die Tür der dort oben gelegenen „Gîte d`Etape“, um wegen eines Zimmers zu fragen. Nachdem niemand öffnet, ziehe ich meine Regenjacke an und stürze mich in die steile und kurvige Abfahrt nach Bourg d`Oisans. Der Ort hat als Ausgangspunkt des Tour- Anstiegs hinauf nach Alpe d`Huez und als Startort des Radmarathons „La Marmotte“ in Radfahrerkreisen einige Berühmtheit erlangt. Selbst Mitte September herrscht dort  Rennrad-Massentourismus. Im zweiten Hotel, bei dem ich anfrage, bekomme ich schließlich ein Zimmer, das Rad muß im Schuppen bleiben und es wäre wohl auch nicht möglich, es über die enge und steile Treppe in den zweiten Stock hochzutragen und in dem winzigen Zimmerchen unterzubringen.  Jedenfalls akzeptieren die Wirtsleute meine Erklärung, dass ich mitten in der Nacht wieder aufbrechen werde ohne Widerstand und versichern mir, dass der Radschuppen im Hinterhof nicht abgesperrt ist. Nach einer herrlichen heißen Dusche gehe ich zum Abendessen in das Nachbarhotel, das auch über ein Restaurant verfügt. Eine etwa dreißigköpfige dänische Radlergruppe samt Trainer, die den größten Teil des Restaurants eingenommen hat beäugt mich etwas verwundert, wahrscheinlich, weil ich in Radklamotten  zum Abendessen erscheine. Mit großer Freude entdecke ich unsere drei Italiener, die sich im gleichen Speisesaal ebenfalls nach einem Tisch umsehen. Gemeinsam lassen wir uns nieder und verbringen einen kurzen, aber sehr gutgelaunten  Abend unter rudimentärer Verständigung bei Pizza, Pasta und Bier.
Um 22 Uhr liege ich endlich im Bett. Den Wecker des Handys habe ich mir auf 3 Uhr gestellt, um halb vier will ich wieder auf dem Rad sein, um den Tunnel bei La Grave 27 Kilometer und 750 Höhenmeter weiter um sechs, nach dem Ende der nächtlichen Sperrung  zu erreichen.
Der Wecker klingelt und ich komme nach knapp fünf Stunden Schlaf erstaunlich gut aus dem Bett. Als ich aus dem Fenster in eine sternenklare Nacht sehe, ist  die Freude auf die vor mir liegende Strecke sofort wieder da.  Zum Frühstück gibt es ein schon angeknabbertes Rosinenbrötchen vom Vortag. Für die Auffahrt zum Lautaret müssen eine Tube Gel und – notfalls -  mein einzig verbliebener Power Bar-Riegel ausreichen.  Die Temperatur draußen ist angenehm, nicht zu frisch. Schnell lasse ich die Lichter von Bourg hinter mir. Der Halbmond beleuchtet die steilen Berghänge beidseits der breiten Straße. Mehrere lange beleuchtete Tunnels mit einer ordentlichen Steigung folgen und ich bin froh, in diesen Röhren nicht dem  heftigen Auto- und Motorradverkehr der Tagesstunden ausgesetzt zu sein.  Am Stausee der Romanche läßt die Steigung vorübergehend nach. Ich bin vollkommen allein unterwegs. In La Grave, das ich um sechs Uhr erreiche sind die ersten Lichter in den Häusern an. Im übernächsten Tunnel, der nachts gesperrt war ist von den Bauarbeitern nichts mehr zu sehen. Dem Zustand des Tunnels nach zu urteilen haben hier nur ein paar Asphaltausbesserungen stattgefunden, so dass man uns als Radfahrer wahrscheinlich auch nachts hätte passieren lassen (was, wie ich später von Urban erfahre, tatsächlich kein Problem war). Aber darüber mache ich mir keine Gedanken – jetzt bin einfach nur froh, dass ich vernünftig duschen, abendessen und fünf Stunden schlafen durfte und mich wieder, bis auf meinen vom vielen Bergfahren schmerzhaft verspannten Rücken,  recht gut fühle. Die letzten Kilometer vor dem Paß sind in orangerotes Morgenlicht getaucht, das die schon herbstfarbenen Wiesenhänge mit ihrem Heidekraut überzieht. Die Gletscher der Meije-Gebirgsgruppe direkt über mir im Süden leuchten rosa, Schafe bimmeln mit ihren Glöckchen. Die Idylle ist vollkommen.

Für die Abfahrt ziehe ich alles an, was ich dabei habe, einschließlich langer Handschuhe und Mütze. Trotzdem ist die Fahrt durch den Talgrund, in dem die herbstliche Morgenkälte steht, eisig kalt. Nacken und Schultern, von der langen Fahrt ohnehin recht strapaziert, verkrampfen sich schmerzhaft.  In Briancon, 27 km nach der Paßhöhe des Lautaret ist unsere 9. Kontrollstelle (km 705). Die Stadt liegt, wie die gesamte Abfahrt, noch im Schatten. Endlich taucht ein Café auf, drinnen beenden meine italienischen Freunde vom Vorabend  gerade ihr Frühstück.  Heißer Café au lait und Baguette mit Butter und Marmelade sind jetzt genau das richtige zum Aufwärmen.
Die  folgenden gut 50 km bis zum Beginn des langgezogenen Durance-Stausees  verlaufen größtenteils auf der Nationalstraße N 94. Die Verkehrsbelastung  ist erheblich  und  es gibt immer wieder Gegenanstiege. Wenigstens hat die Thermik noch nicht eingesetzt, so dass mir Gegenwind erspart bleibt. Schon bald werden die Temperaturen wieder hochsommerlich. Kurz vor Mittag erreiche ich nach einem längeren Anstieg Le Sauze du Lac, einen Aussichtspunkt 300 Meter über dem türkisfarbenen See. Zu meiner Freude treffe ich wieder auf Urban, Walter und Bernhard aus Freiburg, die weiterhin mit Rich aus London unterwegs sind. Bis zum Col St. Jean, auf wieder ruhigeren Straßen fahren wir ein Stück gemeinsam.  

Oben am Col ist eine kleine Gaststätte, dort machen wir zusammen Pause und erzählen uns unsere Erlebnisse seit der letzten Begegnung in der Ardèche. Die vier  hatten wenig Schlaf, dafür aber viel Spaß und sind bester Laune. Ich mache mich etwas früher auf den Weiterweg. Zwischenzeitlich sind einige dunkle Wolken aufgezogen und es fallen ein paar Tropfen, die willkommene Abkühlung bringen.  Die zunächst sehr hügelige Strecke  hat nach der hochalpinen Landschaft um Briancon wieder eindeutig südlichen Charakter mit trockenen  Schafweiden und felsigen Schluchten.   In Digne haben sich die Wolken wieder verzogen und es herrscht sommerliche Hitze. Kaum zu glauben, daß  ich heute morgen auf der Abfahrt noch vor Kälte geschlottert habe.   Ich gönne mir eisgekühltes Pfefferminzwasser in der Bar und stocke meine Lebensmittelvorräte in der Boulangerie auf.  Das folgende Streckenstück zur Kontrollstelle in St. André des  Alpes (km 889) führt anfangs wieder über die berühmte Route Napoléon. Wieder ziehen im Süden dunkle Wolken auf und am Col des Robines, kurz vor St. André, ertönt Donnergrollen. Als ich in der Abfahrt unsere drei Italiener wieder einhole, beginnt der Gewitterregen. Die Italiener flüchten sich in Richtung Ortsmitte, ich biege rechts in Richtung Castellane ab und rette mich in die eingangs erwähnte Bar, bevor ich endgültig durchweicht bin.
Der letzte Abschnitt  durch die abendlichen, vom Gewitterregen überspülten Straßen  um Castellane und am Verdon fordert noch einmal meine ganze Konzentration.  Die schmale, zum Teil in den Felsen gehauene  Straße ist übersät mit Steinen und Felsbrocken, Blitze zucken in kurzen Abstand über den Horizont.  Ich bin heilfroh über meinen starken LED-Scheinwerfer, der mich die Gefahrenstellen rechtzeitig erkennen läßt. Im Anstieg vom Verdon hoch zur Hochebene von Comps herrscht dichter Nebel, der aufgeheizte Asphalt verdampft die Nässe. Auf  der  langen Abfahrt in die Schlucht von Chateaudouble  wird der Belag  wieder trocken, die Nachtluft ist lau und duftet  nach Süden.  An der letzten Kontrollstelle in Ampus, einem der malerischen Dörfer des Haut Var holen mich zwei französische Teilnehmer ein. Pascal, der schon letztes Jahr teilgenommen hat, ruft mir zu  „trente –quatres kilomètres encore“ – „noch 34 Kilometer“.  Nach unseren Kontrollfotos am  Ortsschild legen die beiden  ein ziemliches Tempo vor  und sind bald nicht mehr zu sehen, bis ich sie in der nächsten Abfahrt am Straßenrand stehen sehe. Etwas ist nicht in Ordnung, ich halte an. Pascal berichtet, dass beide gestürzt sind, weil unmittelbar vor ihnen plötzlich Wildschweine die Fahrbahn überquert haben !  Auf meine Fragen erklären die beiden, sie bräuchten keine Hilfe, ich soll weiterfahren.  Jetzt führt die Strecke wirklich nur noch bergab, durch  nachtstille Dörfer des Haut Var: Villecroze, Salernes, Entrecasteaux . Es ist mittlerweile nach halb  ein Uhr  und plötzlich spüre ich den Ehrgeiz, noch vor eins „nach Hause“  zu kommen.    Wie meistens, fällt es so kurz vor dem Ziel auch nicht schwer, noch ein paar „stille Reserven“ anzuzapfen.   Endlich, das Ortsschild von Carcès. Die letzten Meter.  Der leere Parkplatz, an dem wir vor fast drei Tagen gestartet sind. In die Erleichterung, daß jetzt wirklich jeder Berg gefahren ist, jede kalte Nacht überstanden, Müdigkeit und Hitze überwunden sind und die Freude, daß alles gut zu Ende gebracht ist, mischt sich ganz leise ein Bedauern: schade, es ist vorbei…
Der herzliche Empfang  durch Sophie, die Helfer des Radclubs „Argens Cyclo Carcès“  und die vor mir eingetroffenen Mitfahrer tut unendlich gut.  Deutlich ist zu spüren: das ist unser gemeinsamer „1000 du Sud“, derjenige der Fahrer und aller, die bei seiner Organisation mitgeholfen haben. 


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