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Audax Randonneurs Allemagne

< In Sophie`s Welt: 1000 du Sud 2011

Von: Stefan Pittelkow

1001 Miglia Italia2012 - finished aber unzufrieden

Das längste Radbrevet in Europa. Ein Reisebericht von Stefan Pittelkow über 120 Stunden im Sattel eines Rennrades mit allen Höhen und Tiefen, Freuden und Leiden.


Respektlosigkeit, Überheblichkeit und Arroganz sind eine fatale Mischung. Eine Mischung welche ein Projekt, in diesem Fall eine sportliche Herausforderung, fast zum Scheitern bringen kann.

Respektlosigkeit gegenüber der Distanz, eben nicht einer frühabendlichen Fitnessrunde von, sagen wir mal 70 km, sondern einer Distanz die selbst im Randonneuring momentan so ziemlich das Maximum darstellt - die Rede ist von 1625 km! Da setzt man sich nicht einfach so mal schnell aufs Rennrad und fährt das ‚Ding‘ halt runter. Nein, dies erfordert schon eine gewisse körperliche und mentale Vorbereitung, zumal wenn dabei noch die hübsche Summe von über 16000 Höhenmetern zu bewältigen ist.

Arroganz und Überheblichkeit zu meinen: ich kenne das doch schon alles! Ist doch alles halb so wild. Bin diese Distanz doch schon zweimal erfolgreich geradelt, war doch supergeil! Habe 10 Jahre Langstreckenerfahrung, 57 Brevets im Sack, davon 15 über 1000 km. Wieso groß vorbereiten, das klappt schon!

Mein Freund Hans fragte noch unlängst: Heuer bist du aber noch nicht so viel gefahren. Musst du nicht noch trainieren? Antwort: Ach was, meine Qualis habe ich für dieses Jahr, einen Tausender auch, da war alles wie immer im grünen Bereich und die Finisherzeit stimmte auch. Mein Geist und Körper braucht nicht mehr so viel Training. Und im Übrigen - letztes Jahr in Paris hatte ich noch weniger Trainings-Km und da war auch alles ok.

Nur eines darf man nicht vergessen, PBP oder die Große-Acht-durch-Bayern ist nicht 1001 Miglia Italia. Hier muss man richtige Pässe in Alpenqualität mit bis zu 1100 hm am Stück bewältigen und davon gleich mehrere hintereinander. Hier kommen noch 400 km bzw. 600 km zusätzliche Strecke hinzu. Durch den Nachtstart hat man immer eine Nacht mehr zu überstehen. Die ständige Müdigkeit, der andauernde Schlafmangel, stresst dich nach 4-5 Tagen noch mehr als sonst.

Alles in allem viele kleine Mosaikbausteine die es intensiv zu beachten und zu visualisieren gilt.

Bereite dich auf ein Langstreckenbrevet so vor, als ob dein Leben davon abhängt!

Wenn man dies beherzigt, stellen sich Freude und Erfolg wie von selbst ein. Dann ist Randonneuring so wunderbar, man taucht tief in die faszinierenden Abgründe des eigenen Ichs ab. Rennradfahren auf diesem schmalen Grat zwischen Weinkrampf und Endorphinrausch eröffnet eine normalerweise völlig verborgene Erlebnis- und Gefühlswelt. Das ist immer wieder das Außergewöhnliche – der Vorstoß ins Unbekannte. Die (Sehn)Sucht nach mehr ist vorprogrammiert! Extremradfahren prägt den Menschen genauso wie die Wüste - wenn man es einmal begonnen hat, kommt man schwer wieder davon los.

Beides zeigt uns Menschen besser, wer wir wirklich sind, was unsere wirklichen Bedürfnisse sein mögen, präsentiert uns jedoch ebenso brutal die Kluft zwischen dem Hier und Dort. In diesem Spannungsfeld zu leben ist anspruchsvoll, ermüdend, aber interessant. Und immer wieder schaffen es einige diesem Feld zu entfliehen, dem normalen weltlichen Dasein zu entsagen und ein erfülltes Leben in dauerhaftem Glück im Dort zu erleben.

Extremradfahren können Schritte zu diesem Dort sein!

Leider bin ich diesem, meinem Motto dieses Mal nicht treu geblieben und habe vieles missachtet, habe zu viel auf die leichte Schulter genommen, war lax und unkonzentriert an den Start gegangen.

Vom Start zum tiefen Fall:

Startort ist Nerviano, eine kleine, verschlafene Vorstadt westlich von Mailand. Am Donnerstag, 16.08.12 treffen sich 288 Starter aus 28 Nationen, um ab neun Uhr abends sich erneut einer großen sportlichen Herausforderung zu stellen. Viele Sportler sind schon am Vortag angereist. Man kennt sich oft, man tauscht sich aus, genießt die gemeinsame, immer wieder köstliche Pasta Party.

Der Veranstalter lässt in Blocks à ca. 25 Fahrer aus dem Sportstadion starten. Die ersten 400 km bis Forli führen leicht bergab durch die Po-Ebene. Ein schneller Zug mit Durchschnittsgeschwindigkeit von 30-35 km/h brutto (also mit allen Stopps und Kontrollen) hilft hier immens Zeit gutzumachen. 2-3 Stunden können so gewonnen werden. Ein Polster für die nachfolgenden, schweren Bergetappen.

Deshalb ist es hier so wichtig, sich möglichst weit vorne einzureihen um von so einer schnellen Gruppe profitieren zu können.

 

Fehler Nr. 1: Wissen und Erkenntnisse nicht umgesetzt!

Habe den Start sauber vertrödelt! Finde mich weit hinten in der zweiten Hälfte der Startaufstellung wieder. Daher geht es eher gemächlich im weiten Bogen südlich um Mailand herum, vorbei an den leichten Mädels auf den Ausfallstraßen. Der Tacho überschreitet selten die 30 km/h Marke. Schnell erkenne ich meinen Fehler und ärgere mich maßlos! Nach 200 km, der Bruttoschnitt liegt bei 27, gebe ich genervt und frustriert mein Ziel auf, die 100 Stunden anzuvisieren.

Fehler Nr.2: Ohne Plan und Ziel geht’s schief!

Schnell breitet sich eine gewisse Lethargie aus, lustloses Dahinradeln, ohne inneres Feuer, einfach wartend was da kommen mag. Nicht einmal die intensiven Düfte und Gerüche der Reisfelder in der schwülheißen Po-Ebene sauge ich in mir auf. Die Verweildauer in den kommenden Kontroll- und Essenspausen wird egal, sie wird einfach nicht registriert. Ohne Ziel und Strategie zu radeln ist eine sehr, sehr schlechte Variante!

Freitagmittag, hinter Forli, nach ziemlich genau 400km Einrollen, geht es in die Berge. Die drei höchsten Pässe zwischen 900 und 1100 Meter stehen an. Auf Anzeigetafeln von Apotheken werden 33 °C angezeigt und schwer tretend geht es mit 10 km/h und weniger die Steigungen hoch. Oh, hätte ich doch nur vorher die 5kg Winterspeck abgenommen! Thermischer Rückenwind lässt einen aus allen Poren nur so tropfen. Vier Tage Dauersauna sollten folgen! Noch bin ich gut hydriert, aber nun heißt es trinken, trinken, trinken.



Fehler Nr. 3: falsche Erwartungshaltung

Nach einer erfrischend kühlen, rasanten Abfahrt freue ich mich auf ein halbes Pollo, mit Oliven und Bier im COOP, nahe der Kontrollstelle Dicomano. 2010 war dies das abendliche Highlight vom Tag. Doch große Enttäuschung! Kein Pollo, keine Wachteln - Grilltheke leer. Frustriert verlasse ich den Shop mit einer Dose Bier!

Gewesenes, Erlebtes ist schön für die Erinnerung. Der Versuch es zu duplizieren misslingt aber oft. Die Enttäuschung ist dann umso größer. Wahres Glück liegt im Unverhofften!

Essen muss aber sein, es stehen zwei weitere schwere Pässe in der Nacht an. Also Pizzeria gesucht und Spaghetti Carbonara mit Tomatensalat genossen. Das kostet Zeit!

Nach schier endlos erscheinenden Anstiegen überfällt mich gegen Mitternacht nach 26 Std. die Müdigkeit. Dreißig Minuten will ich mir gönnen, zusammengekauert am Boden neben der Straße.

Fehler Nr. 4: Fehlentscheidungen

Verschlafen gehe ich die letzten 500 Höhenmeter zur Kontrolle Chiusi delle Verna an, einem Franziskanerkloster oben am Berg auf 1100 m. Plötzlich vermisse ich meine kleine Lederhülle für den MP3-Player. Alles Suchen hilft nichts. Hab ich’s verloren beim Schlafen? Oder jetzt unterwegs? Wann hatte ich es sicher noch? Ist es wert zurückzufahren und zu suchen? 200 hm wieder langsam runter, bis zum Schlafplatz neben Straße. Nichts! Beim Wiederanstieg auf der Straße auch nichts. Mist! Die Analyse der GPS-Daten hinterher dokumentiert ein Zeitverlust von 1h17! Für nichts!

Um drei Uhr Morgens nach knapp 550km, frustriert und müde oben im Kloster angekommen, gegessen, zwei Gläser Rotwein eher hinuntergestürzt als genossen und schon wieder 1h30 geschlafen. Gesamtaufenthalt drei Stunden – ein Unding!

Diese letzte Nacht hat mein letztes kleines Feuer in mir zum Erlöschen gebracht. Doch mit den ersten, wärmenden Sonnenstrahlen am frühen Samstagmorgen und aufwachendem Verstand realisiere ich auf einmal:

Mann, pass‘ auf dass du überhaupt durchkommst!‘

 

Dieses Alarmsignal rüttelt mich mental nun völlig wach. Einige innerliche Ohrfeigen katapultieren mich in die Realität zurück. Bestandsaufnahme. Analyse der Situation. Was ist verloren? Mein Primärziel! Ist es schlimm? Ja, aber auch Nein, eigentlich nicht. Über 1000 km liegen noch vor mir! Reiss‘ dich zusammen, es wird eh‘ noch schwer genug, bei dieser Hitze. Finishen ist doch auch schon eine Leistung!

Das langsame mentale Aufrappeln:

Kaum sind diese Gedanken abgearbeitet, rollt von hinten Andreas auf. Gemeinsam pushen wir uns bei 38°C im Schatten nach Todi, der nächsten Kontrollstelle. Mittags bei über 40 Grad geht’s uns beiden an sanften Anstiegen sehr schlecht - Kopfschmerzen, Nasenbluten, Übelkeit, Schwindel. Wir beschließen bis 17:00 in einer Bar Siesta zu halten. Über Zeitverlust mache ich mir nun keine Gedanken mehr. Finishen ist das Ziel und das sollte eigentlich noch gut hinhauen.

Kaum sind die schlechten Gedanken weggeblasen wird in Todi, an derselben Kontrollstelle im Restaurant wie 2008 und 2010, eine Erwartung erfüllt: das geniale Dinner speziell für uns vom Buffet!

Mit wohlig gefülltem Magen, zwei Bier und frischer Energie rolle ich (Andreas will noch pausieren) in die untergehende Abendsonne durch den malerischen Nordteil der Provinz Latio. Erstmalig verspüre ich so etwas wie Frieden, Ruhe, Entspannung aufkeimen. Mein innerliches Gewitter ist abgezogen, Blitz und Donner ebben ab und ich lehne mich zurück – welch ein Genuss. 

In Bolsena tobt ein riesiges Stadtfest. Es ist 23:00, überall Livemusik, leichtbekleidete Menschen flanieren auf der Uferpromenade, sind fröhlich und ausgelassen und wir Randonneure mitten drin, unsere Kontrolle befindet sich in einem der Cafés direkt am See. Es ist so schön, ich will am liebsten hier bleiben!

Nun bin ich mir sicher: alles wird gut, es geht bergauf, es beginnt wieder Spaß zu machen!

Und wie zur Bestätigung erfahren wir in Pomonte, der übernächsten Kontrolle früh morgens um fünf von Fermo, dem Tour-Chef, dass das Zeitlimit von 135h auf 145h angehoben wird. Die mörderischen Temperaturen werden andauern und wir sollen nachmittags auf unsere Gesundheit achten. Eine umsichtige, weise Entscheidung!

In der kargen, erodierten Hügellandschaft der Südtoscana durchqueren wir nachmittags Heißluftblasen, die mich an Temperaturen aus der Sahara erinnern, wo das Thermometer die 50 Grad überschritten hatte. Andreas meint, Haar-Fön auf höchster Stufe – habe so etwas in Europa noch nicht erlebt.

Zu allem Überfluss plagen mich seit zwei Stunden heftige Schluckbeschwerden. Was ist denn das? Kenne ich nur vom Winter, aber hier bei 40 Grad? Angina? Kann nicht sein – oder doch? Ausgetrocknete Schleimhäute? Auch Andreas klagt über Halsweh und fährt mit Tuch. Verrückt! Sollte sich daheim dann wirklich als ausgewachsene Bronchitis heraus stellen.

In Siena erwartet uns eine großartige Ehre: Kontrolle inmitten der Altstadt, wo normalerweise sämtlicher Verkehr, inklusiv Fahrräder verboten ist. Einzig über den Piazza del Campo müssen wir schieben, begleitet von einheimischem Personal, welches uns gleichzeitig eine kleine Führung beschert.

Der majestätische Palast an der Piazza, der gewaltige Dom, vorbei an herrlichen, mittelalterlichen Gebäuden lässt uns einfach nur staunen. So etwas Grandioses bei tropischer Nacht, als müder, aber immer glücklicher werdender Randonneur, erlebt man nur selten.

Die Route führt uns nun durch die, wie ich meine herrlichste Gegend Italiens – durch die pittoreske Toscana. Selbst nachts im fahlen Grau bei 25°C spürt man die Herrlichkeit dieser einsamen Gegend. Lavendeldüfte durchfluten die Dunkelheit, wenn Warmluftblasen sich ablösen und berauschend gen Himmel steigen. Da kann man einfach nicht müde werden – Genuss pur.

Und wieder befahren wir ein Teilstück der legendären L’Eroica auf den kalkweißen Schotterstraßen in der Chianti, wo einst die Helden wie Gino Bartali oder Fausto Coppi ihre Wettkämpfe ausfochten. Ehre, Demut und Dankbarkeit durchflutet einen, auf solch geschichtsträchtigen Pisten sich bewegen zu dürfen. Vor allem wenn man sich das Material der damaligen Rennradfahrer vor Augen führt. Da muten unsere 30gängigen, 8kg leichten Hightech-Renner geradezu lächerlich an. Schön, dass heute wieder einige Profi- und Jedermann Rennen über diese Wege führen.

Noch einige wenige Anstiege bis ca. 500 Meter und wir steigen ab zum Mittelmeer bei Deiva Marina als letzter Höhepunkt - besser Tiefpunkt - bei km 1350. Tagelang nonstop in der Natur sensibilisiert die Nase. Den typischen Meergeruch nimmt man schon Kilometer vorher war und freut sich auf ein nächtliches Pasta Mahl mit einer Stunde Schlaf.

Mit der Gewissheit nur noch zwei Pässe auf 500 m Meereshöhe überwinden zu müssen, wird der Aufstieg von der Küste Richtung Inland erträglich. Doch zeigt der Tacho kaum mehr als 8 kmh an. Körper und Geist sind geschunden und schreien nach Ruhe.

 

Umso mehr freut man sich auf die letzte Kontrolle beim Mausoleum von Fausto Coppi in Castellania – wir haben’s überstanden!

Die letzten 120 km geht es nur bergab und flach zurück durch die Po-Ebene. Die tropisch heiße Luft liegt bleiern über den gefluteten Reis- und Hirsefeldern. Jetzt nur nicht anhalten, die Moskitos fressen dich sonst auf – arme Menschen hier! Ein kurzer Bierstopp in einer Bar in dem winzigen Ort Besate haut mich fast um: Ich genieße originales Augustiner! Das Kultbier aus München! Der junge Besitzer liebt München, das Oktoberfest und dieses Bier! Ist das nicht unglaublich?

Die letzten paar Dutzend Km durch den Großraum um Mailand sind notwendiges Pflichtprogramm, um dann erlöst in das Sportstadion von Nerviano unter Beifall einbiegen zu dürfen.

 

So richtig freuen kann ich mich dieses Mal nicht, die Rundfahrt war eher verkorkst, zerrissen, kantig, unharmonisch. Das sonst so typische ‚Fließgefühl‘, der Flow, die wunderbare Einheit Körper, Geist und Unternehmung, hatte sich nicht eingestellt. Und an meine schlechteste Finisherzeit will ich gar nicht denken. Den Warnschuss habe ich verstanden, bin dankbar einigermaßen gesund angekommen zu sein und werde zukünftig konzentrierter handeln! Meine Aufmerksamkeit gilt nun ganz meinem letzten, diesjährigen Randonneur-Abenteuer im Spätherbst.

 Vielen herzlichen Dank an Fermo Rigamonti und seinem Team, erneut so eine tolle Rundfahrt und Veranstaltung gezaubert zu haben! Freue mich auf ein Wiedersehen in 2014!

Stefan Pittelkow Waldburg, 27.08.2012

 

Zahlen und Fakten (abgeleitet aus aufgezeichneten GPS-Daten mit Programm GPS Track Analyse V6.0):

2012

Länge gesamt:

1.627 km

Dauer:

120 h 28 min

Reine Fahrtzeit:

86 h 48 min

Summe der Stillstandzeiten (> 5min):

33 h 40 min

Überwundene, gemessene Höhenmeter:

16.556 hm

Maximale Höhe:

1.137 m

Mechanische Arbeit bei 100kg Masse:

18204 kJ

Energetischer Gesamtumsatz bei 100kg Masse:

42.673 kcal

 

 

2010: Dauer: 100 h 53 min

2008: Dauer: 102 h 21 min

 

 


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